GESCHICHTE: VÝROVKA
Ein Ort der Schmuggler, Soldaten und Geschichten, die in den Bergen nicht in Vergessenheit geraten sind.
Im Sattel zwischen dem Luční-Berg und der Zadní-Hochebene steht eine der bekanntesten Hütten des Riesengebirges – die Výrovka.
Heute ist sie ein beliebtes Ziel für Wanderer, die die Kämme des Riesengebirges erkunden, doch ihre Geschichte ist weitaus dramatischer. Der Ort, an dem man heute eine Stärkung zu sich nimmt, war einst ein wichtiger Knotenpunkt auf den Wegen von Schmugglern, Zöllnern und Soldaten.
Die Výrovka liegt in einem Gebiet, in dem sich früher der alte Schlesische Weg mit dem Weg von Svatý Petr über den Dlouhý důl und die Richtrovy boudy in Richtung Pec pod Sněžkou kreuzte. Die strategische Lage machte den Ort schon seit jeher zu einem natürlichen Ort der Erholung und zur Beobachtung der Umgebung.
Bereits im 18. Jahrhundert stand hier ein einfacher Unterstand, der den deutschen Namen „Tannenbaude“ trug, also „Jedlová bouda“. Hier hielten sich auch die „Finanzbeamten“ auf – Zöllner, die die Bergpfade bewachten und nach Schmugglern suchten.
Gerade mit ihnen könnte auch eine der Deutungen zum Ursprung des alten deutschen Namens „Geiergucke“, also „Geieraussicht“, zusammenhängen. Die Finanzbeamten wurden nämlich „Geier“ genannt – und aus dieser Bezeichnung könnte auch der Name des Ortes entstanden sein.
Es gibt jedoch auch eine weitaus dramatischere Legende.
Ihr zufolge versteckte sich unweit der „Luční bouda“ der Schmuggleranführer Georg Wenzel, genannt Geirwanz. Eines Abends wartete er in einer halbverfallenen Hütte auf seine Komplizen. Doch unerwartet betrat ein junger Finanzbeamter das Versteck. Der Schmuggler versteckte sich auf dem Dachboden.
Kurz darauf betrat ein junges Mädchen die Hütte. Geirwanz erkannte in ihr seine eigene Tochter. Aus ihrem Gespräch mit dem Zöllner schloss er, dass der Mann seine Pläne durchschaut hatte. Der wütende Schmuggler sprang vom Dachboden herunter und erstach seine Tochter, die versuchte, den Zöllner zu verteidigen, mit einem Dolch.
Dem Finanzbeamten gelang die Flucht, und später kehrte er mit Verstärkung an den Ort zurück. Ein schrecklicher Anblick erwartete ihn – der Schmuggler hing über dem Leichnam seiner ermordeten Tochter.
Nach ihm sollen seine Komplizen die Hütte angeblich „Geiergucke“ genannt haben.
Und es gibt noch eine dritte Erklärung. Im örtlichen deutschen Dialekt bezeichnete das Wort „Geier“ auch unsere größte Eule – die Uhu. Und genau davon könnte der tschechische Name „Výrovka“ stammen.
Dem Besitzer der ursprünglichen „Výrovka“ gefiel ihre Verbindung zu den Schmugglern jedoch nicht besonders. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ er die Hütte daher abreißen. Der strategisch wichtige Ort blieb jedoch nicht lange ohne Unterkunft.
Um seine weitere Nutzung kümmerten sich zunächst die Brüder Bönsch von der „Luční bouda“, die sich um die Pacht des Grundstücks bemühten. Sie wollten hier einen einfachen Unterstand für Pferdegespanne errichten, in dem sich die Menschen vor schlechtem Wetter schützen konnten.
Letztendlich wurde dem Gelände jedoch eine weitaus bedeutendere Rolle zukommen.
Im Jahr 1926 beschloss das tschechoslowakische Verteidigungsministerium, hier eine Militärhütte für die Ausbildung von Skitruppen zu errichten. Sie wurde durch einen überdachten Gang mit der verfallenden „Výrovka“-Hütte verbunden, und es entstand auch die benachbarte „Havlova bouda“ mit 36 Zimmern.
An ihrem Bau war General František Havel, Kommandeur des Landingenieurkorps, maßgeblich beteiligt, nach dem sie auch benannt wurde.
Nach der Fertigstellung ging die Hütte an den Skiclub des Verbandes tschechoslowakischer Offiziere über. Im Jahr 1938 war hier sogar kurzzeitig eine Gendarmeriestation in Betrieb.
Während des Zweiten Weltkriegs gerieten sowohl die „Výrovka“ als auch die „Havlova bouda“ unter deutsche Militärverwaltung. Nach dem Krieg übernahm sie die tschechoslowakische Armee, und die „Výrovka“ wurde von Jan Duben gepachtet, der hier bereits während der Ersten Republik tätig war.
Die Berglandschaft diente dabei nicht nur Touristen. Die Armee veranstaltete hier Skikurse und bildete zukünftige Skilehrer aus.
Doch das Schicksal der ursprünglichen „Výrovka“ war besiegelt.
Am 17. Oktober 1946 brach in der „Výrovka“ ein verheerender Brand aus. Das Feuer entstand in einem hölzernen Lagerhaus, in dem unter anderem ein Traktor abgestellt und eine große Menge Diesel, Benzin, Öl, Teer und andere brennbare Materialien gelagert war.
Das Feuer brach am Abend aus, und die aus Holz erbaute „Výrovka“ konnte ihm nicht standhalten. Feuerwehrleute aus Pec pod Sněžkou und Špindlerův Mlýn trafen am Ort des Geschehens ein und mussten den Brand mit Eimern bekämpfen.
Die „Výrovka“ fiel in Schutt und Asche. Havelova Hütte konnte glücklicherweise gerettet werden.
Doch auch diese hatte kein langes Leben. Am 6. Februar 1947 wurde sie vermutlich von jemandem vorsätzlich in Brand gesetzt. Sie brannte nieder und wurde nie wieder aufgebaut.
An der Stelle der ursprünglichen Hütte entstand anschließend eine einfache Gaststätte mit einer Übernachtungsmöglichkeit für 30 Personen. Viele Jahre lang wurde sie von dem bekannten Jura Pachman geführt.
Die heutige „Výrovka“ entstand erst später. In den Jahren 1988 bis 1990 errichtete hier das polnische Bauunternehmen Budimex aus Posen ein neues Gebäude nach einem Entwurf des Trutnover Architekten Vokatý. Der Bau löste damals erhebliche Kontroversen aus.
Heute gehört die „Výrovka“ dem Tschechischen Touristenverein und bietet etwa 35 Betten.
Und obwohl sich ihr Aussehen im Laufe der Jahrhunderte mehrmals verändert hat, bleibt ihre Bedeutung bestehen. Sie steht nach wie vor an der Stelle, an der sich wichtige Bergwege kreuzten – einst die von Schmugglern und Soldaten, heute vor allem von Touristen, die über die Kämme des Riesengebirges wandern.
Die „Výrovka“ ist also nicht nur eine weitere Berghütte. Es ist ein Ort, an dem sich im Laufe der Jahrhunderte Schmuggler, Zöllner, Soldaten, Skifahrer und Touristen abgewechselt haben. Und einige der Geschichten, die sich hier zugetragen haben, würden für ein richtig spannendes Bergbuch reichen.
Quelle: Geschichte der Hütten im Riesengebirge